2017: Neu hinsehen! Ein katholischer Blick auf Luther

Ein Projekt der KEB Sachsen-Anhalt und der Akademie des Bistums Magdeburg


Katholische Blicke auf Luther

Hier folgen Ausführungen zum Wandel des katholischen Lutherbildes als erste Orientierung.

Polemik und Abgrenzung

 

Die Vorwürfe an Luther wiegten viele Jahrhunderte lang schwer: Der Augustinereremit beanspruche für sich absolute Deutungshoheit über die Bibel. Er werfe damit eine 1500 Jahre alte Traditionslinie buchstäblich über den Haufen, wonach die Apostelnachfolger (also die Bischöfe und v.a. der Papst) aufgrund ihrer Verbindung zum Ursprung (Jesus Christus und die Apostel als seine Auferweckungszeugen) wüßten, wie die Bibel auszulegen sei. Dadurch werde Kirche, die durch geweihte Amtsträger (Priester und Bischöfe), deren Verkündigung und Gottesdienstfeiern auferbaut wird und dadurch Heil vermittelt, überflüssig.

 

Natürlich ist damit die Kirche massiv in Frage gestellt. Die aus Luthers Gedanken und Schriften sich ausbildenden reformatorischen Prinzipien bündeln dies in der Formel, dass der Christ allein durch den aus der Gnade Gottes geschenkten Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt, also gerettet werde. In der Taufe haben alle Gläubigen Anteil am einzigen Priestertum Jesu Christi, es sind folglich alle Gläubigen gleichsam Priester. Daher sind sie befugt, aktiv zu handeln ohne Rückbindung an eine gottgebene Hierarchie. Kirche ist laut Augsburger Bekenntnis da, wo das Evangelium rein verkündigt und die durch die Bibel bezeugten Sakramente Taufe und Abendmahl recht verwaltet, also gespendet werden.

 

Gab es auch noch nach Luthers Kirchenausschluss 1521 einige Zeit "katholische" Sympathisanten, als er noch weithin als "Reformkatholik" gesehen wurde, der Missstände in seiner Kirche beheben wollte, wandelte sich rasch die Stimmung. In dem Maße, wie man begriff, dass sich die bisherige jahrhundertealte Ordnung aufzulösen begann, nahm die existierende Polemik noch mehr zu. Es galt den Schreibern der diversen Flugschriften und Abhandlungen, Luther aufs Abstellgleis zu stellen, ihn lächerlich zu machen. Damit wurde historisch besehen wohl wenig bewirkt - die Reformation als solche war, nicht zuletzt durch Eingreifen der Fürsten, kaum mehr aufzuhalten. Lediglich das Bild Luthers als lächerlicher Ketzer war katholischerseits für Jahrhunderte gefestigt.

 

Indem der Augsburger Religionsfrieden 1555 die Möglichkeit eröffnete, dass das lutherische und das katholische Bekenntnis reichsrechtlich gleichberechtigt existieren konnten, aber die Landesherren das Bekenntnis für sich und ihre Untertanen bestimmten, entstanden konfessionell geschlossene Gebiete. Und nachdem der Dreißigjährige Krieg 1648 überstanden war, in welchem sich auch konfessionelle Motivationen der Beteiligten mischten, war mit der Ordnung des Westfälischen Friedens die Grundlage dafür gelegt, dass sich die Konfessionen in ihren Gebieten dauerhaft entfalten konnten. Eine komplette "Reformation" der Kirche war jetzt definitiv nicht mehr realistisch und auch nicht mehr beabsichtigt. Mit dem Trienter Konzil (1545-1563) war auf katholischer Seite auch eine Gegenmaßnahme ergriffen worden, um den eigenen theologischen Standpunkt und die eigene Identität als "Altgläubige" zu klären und in Abgrenzung v.a. zum Luthertum weiter auszubilden.

Die Grenzen waren - scheinbar - unverrückbar im Lauf der Geschichte gezogen.




Impuls

Ewig widereinander?

 

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof Halle in die Innenstadt begleiten einen links und rechts am Riebeckplatz wichtige Gestalten aus der Geschichte der Stadt. Gleich an zweiter Stelle steht Luther, ihm zugesellt Kardinal Albrecht. Zu Luther braucht es nicht viele Worte, Albrecht jedoch scheint erklärt werden zu müssen - ob Reliquienfreund wirklich weiterhilft? Beide sehen sich nicht an. Luther ist im Licht, Albrecht sozusagen im ständigen Schatten der Straßenbrücke - Zufall oder Absicht? 

Zum Glück haben die letzten Jahrzehnte ökumenischer Verständigung einen Wechsel der Blickrichtung gebracht. Man schaut sich katholisch wie evangelisch ins Angesicht, spricht miteinander. Und in vielen Bereichen sieht man gemeinsam nach vorn.

Foto: St. Mokry

 


Erste Annäherungsversuche

 

In den zwei Jahrhunderten nach den zentralen Reformationsgeschehnissen bildeten sich allmählich eigene Konfessionskulturen aus, die sich katholisch, evangelisch und reformiert auch äußerlich wahrnehmbar voneinander unterschieden (z.B. in Kult, Brauchtum, Frömmigkeit), auf katholischer Seite etwa durch prachtvolle Wallfahrten und religiöse Feiern in der Barockzeit. Jedoch ist in der Forschung derzeit umstritten, ob diese sog. „Konfessionalisierung“ sich epochalisch wirklich so klar fassen lässt oder ob der Vorgang nicht viel langwieriger und weniger geradlinig vonstattenging.

 

In der späten Barockzeit traten immer mehr geistlich-intellektuelle Strömungen auf, die mit dem Begriff „Aufklärung“ bezeichnet werden. Fortschrittliche Erkenntnisse in den Naturwissenschaften, auf Verstand und Vernunft (lat. Ratio) basierende philosophische Gedanken stellten althergebrachte, nicht zuletzt biblisch begründete Weltbilder in Frage. Freiheitsrechte und Toleranz traten allmählich stärker in den Mittelpunkt. Christlicher Glaube und die Kirche(n) sahen sich in ihrem bisherigen Selbstverständnis einem fortschreitenden Legitimationsdruck ausgesetzt. Doch griffen viele christliche Gelehrte die Gedanken auf und machten sie für die Theologie und Philosophie fruchtbar. Man spricht z.B. mit Recht von einer katholischen Aufklärung, manches Kloster war Hort von damals moderner Wissenschaft und Forschung.

 

Natürlich wurde die Spaltung der Kirche für viele Denker, Laien und Kirchenleute zu einem immer weniger hinnehmbaren Ärgernis. Kaum bekannt ist, dass v.a. in der zweiten Hälfte des 18. Jh. erstaunlich viele Schriften und Aktionsbündnisse entstanden, die sich einer sog. Reunion der Konfessionen widmeten (auf katholischer Seite etwa der Benediktiner Beda Mayer, dessen Vereinigungs-Schrift 1778 gegen seinen Willen veröffentlicht und daher natürlich von Rom indiziert wurde). Speziell auf Seiten des evangelischen Pietismus finden sich etliche Unionsvordenker. Man kann mit einigem Recht von ersten „echten“ ökumenischen Versuchen sprechen. Im Ergebnis führte es dazu, dass die bisherige kontroverstheologische Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen, bei der es um die definitive Widerlegung der anderen Seite ging, abgemildert wurde. Man spricht hier auch von einer christlichen Irenik (von altgriechisch Eiréne = Frieden), katholischerseits z.B. vertreten durch den Dillinger Pastoraltheologie-Professor Johann Michael Sailer, der ganze Generationen von Priestern in Süddeutschland Anfang des 19. Jh. in dieser Richtung prägte.

 

 

Einen wichtigen Meilenstein stellt Johann Adam Möhlers sog. „Symbolik“ von 1832 dar. In diesem Werk untersuchte der damalige Tübinger Theologieprofessor die Bekenntnisschriften von Evangelischen und Katholiken mit dem Anspruch wissenschaftlicher Redlichkeit, um die dogmatischen Gegensätze darzustellen.

 

 

Und wieder Polemik

 

Doch die aufkommende wissenschaftlich motivierte Auseinandersetzung von katholischer Seite mit Luther, der Reformation und den Konfessionen geriet in den Strudel der konfessionell motivierten Auseinandersetzungen des 19. Jh. Die deutsche Führungsmacht war das protestantische Preußen, das sein Gebiet über weite Teile des heutigen Deutschlands ausdehnen konnte. Das führte dazu, dass die katholische Bevölkerung sich zusehends vielerorts (und letztlich mit dem Dt. Kaiserreich insgesamt besehen) in einer Minderheitensituation wiederfand. Polemisch und mit allen Mitteln der boomenden Printmedien wurden öffentlichkeitswirksame Fehden ausgefochten, wann immer katholische auf evangelische (oder umgekehrt) Befindlichkeiten trafen. Die Stimmung vergiftete sich erneut und immer mehr. Der Münchener Kirchengeschichtsprofessor Ignaz von Döllinger, der wegen seiner Ablehnung der Papstdogmen von 1870 (Unfehlbarkeit, Universalprimat des Papstes) exkommuniziert wurde und vielen als eine Art 2. Luther gilt, konnte Mitte der 1840er Jahre noch schreiben, er müsse bei der Lektüre lutherischen Schrifttums Schutzvorkehrungen treffen, wie wenn man durch eine stinkende Pfütze ginge.

 

Schriftstellerische Auseinandersetzung mit Luther pflegte der Dominikaner und Mitarbeiter im Vatikanarchiv Heinrich Denifle, dessen Geschichtswerk zum Reformator von 1909 zwar akribisch die historischen Quellen heranzieht, jedoch bei der Beurteilung der Person Luthers und der damaligen Ereignisse eine einseitige Polemik aufweist. Kurz vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs war damit zunächst ein Pflock eingeschlagen.

 

 

 

Fortsetzung folgt...